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26.09.2019

Partnerstandort Dresden: DEN RÜCKFALL VERHINDERN

Auch wenn nur wenige Krebszellen eine Therapie überleben, besteht die Gefahr, dass die Krankheit wieder aufflammt. Das gilt insbesondere für aggressive Formen der akuten myeloischen Leukämie. Forscher des Deutschen Krebskonsortiums haben einen Weg gefunden, Patienten mit einem hohen Rückfallrisiko zu identifizieren. Betroffene könnten zukünftig frühzeitig behandelt werden.

Artikel aus der Septemberausgabe des DKFZ Magazins Einblick.

Bösartige Erkrankungen des Bluts sind Uwe Platzbeckers Spezialgebiet. Der 49-Jährige zählt in diesem Bereich der Hämatologie zu den renommiertesten Experten Deutschlands. Bis Herbst letzten Jahres leitete der Mediziner den Bereich Hämatologie/Hämostaseologie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden und brachte am dortigen DKTK-Standort seine kliniknahe Forschung in das Konsortium ein. Unter anderem initiierte er gemeinsam mit seinem Dresdener Kollegen Christian Thiede die klinische Studie RELAZA für Patienten, die an einer akuten myeloischen Leukämie (AML) oder einer Vorstufe dieser Krebsart erkrankt sind. „Es ist ein Projekt, das uns sehr am Herzen liegt. Denn wir können rückfallgefährdete Patienten dieser aggressiven Krebsart frühzeitig identifizieren und so wieder Hoffnung geben“, sagt Platzbecker, der die Studie innerhalb der Studien- Allianz Leukämie inzwischen vom Universitätsklinikum Leipzig aus leitet, wo er seit Oktober 2018 für den Bereich Hämatologie und Zelltherapie verantwortlich ist.

Die AML ist eine aggressive Blutkrebsform. Mittels Chemotherapie sollen die Leukämiezellen so weit wie möglich zurückgedrängt werden. Sie vollständig zu besiegen, gelingt jedoch meist nur dann, wenn eine Stammzelltransplantation möglich ist. Und auch wenn der Krebs anschließend unter dem Mikroskop nicht mehr nachweisbar ist, überleben in vielen Fällen einzelne leukämische Zellen, die zu einem Rückfall führen können. „Die Behandlungsmöglichkeiten sind dann sehr begrenzt und die Prognosen schlecht“, sagt der Krebsmediziner.

Das zu ändern, war das Ziel von RELAZA 2, einer klinischen Studie der Phase II, die an mehreren DKTK-Standorten durchgeführt wurde, und deren Ergebnisse im Dezember 2018 in der Fachzeitschrift Lancet Oncology erschienen sind. Fast 200 Patienten mit einer AML oder einem fortgeschrittenen myelodysplastischen Syndrom, einer Vorstufe der AML, nahmen an der Studie teil. Nach zunächst erfolgreicher Chemotherapie oder Stammzelltransplantation befand sich die Erkrankung bei ihnen in kompletter Remission, war also mit Standardtests nicht mehr nachweisbar. Über einen Zeitraum von zwei Jahren untersuchten die DKTK-Forscher, ob bei den Patienten Frühwarnsignale auftraten, die auf eine sogenannte „messbare Resterkrankung“ (MRD) hindeuteten. Mithilfe molekularer Analysen gelang es dem Forscherteam, auch kleinste Populationen von Leukämiezellen im Knochenmark zu identifizieren und somit Patienten mit besonders hoher Rückfallwahrscheinlichkeit zu erkennen. Überschritt die MRD einen bestimmten Schwellenwert, erfolgte eine Behandlung mit dem Wirkstoff Azacitidin. „Bei 60 Patienten haben wir eine MRD festgestellt, von ihnen kamen 53 für eine Behandlung mit Azacitidin infrage“, erläutert Platzbecker. Azacitidin soll Gene wieder aktivieren, die bei einer Leukämie häufig stillgelegt sind. Diese Gene sind mit dafür verantwortlich, dass Blutzellen vollständig ausreifen. Geschieht dies nicht, überschwemmen stattdessen unreife, funktionsunfähige Vorläuferzellen das Knochenmark und verdrängen die normale Blutbildung.

Die Erfolge übertrafen die Erwartungen des Teams: „Wir sind davon ausgegangen, dass wir das erneute Aufflammen nur etwa zwei Monate hinauszögern können. Doch nach sechs Monaten war noch mehr als die Hälfte der behandelten Patienten ohne Rückfall, nach zwölf Monaten noch knapp die Hälfte“, erläutert Platzbecker. Bei zahlreichen Patienten ließ sich die erneute Erkrankung sogar wesentlich länger zurückdrängen. „Am deutlichsten waren die Erfolge bei Patienten, die zuvor eine Stammzelltransplantation erhalten hatten: Ein Drittel von ihnen blieb dauerhaft von einem Rückfall verschont“, ergänzt Thiede. Aber auch bei Patienten, die zunächst ausschließlich eine Chemotherapie erhalten hatten, verbesserte sich die Prognose.

Eine frühzeitige Therapie mit Azacitidin könnte die Krankheit also zukünftig bei Patienten mit AML, bei denen bereits Hinweise auf einen Rückfall zu finden sind, verhindern oder erheblich verzögern. Experten sprechen in einem solchen Fall von tertiärer Prävention. Ein Aspekt ist in diesem Zusammenhang enorm wichtig: Patienten, bei denen kein Rückfall zu erwarten ist, müssen nicht unnötig mit solchen Medikamenten behandelt werden. „Die RELAZA 2-Studie soll außerdem als Basis für künftige Studien zur Kombination von Azacitidin oder vergleichbaren Wirkstoffen mit neuen, zielgerichteten Therapien dienen“, erklärt Uwe Platzbecker.

Die Mediziner arbeiten schon an einer Folgestudie, die in wenigen Wochen starten wird und dazu beitragen soll, die Therapie von Leukämiepatienten weiter zu verbessern. „All diese Anstrengungen sind aber nur im Verbund zu schaffen“, ist sich Platzbecker sicher. „Das Deutsche Krebskonsortium bietet für solche standort- und disziplinübergreifenden Projekte den optimalen Rahmen.“

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